Original Research

Effects of Multimodal Eccentric Viewing Training on Reading Speed

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1 B.Sc.
2 Prof. Dr. med. habil.
3 Prof. Dr.-Ing.
4 Dr.-Ing.
5 Ernst-Abbe-Hochschule Jena, Fachbereich SciTec, Fachgebiet Optometrie, Jena, Germany
6 Henneberg-Rehaklinik Masserberg GmbH, Ophthalmologie, Masserberg, Germany
Keywords
Eccentric viewing training
biofeedback
central scotoma
reading ability
low vision
Abstract

Purpose. Bilateral loss of foveal visual function impairs reading-­relevant visual, oculomotor and cognitive processes. Eccentric viewing training (EVT) represents an approach in low vision rehabilitation for improving reading function. The aim of this study was to investigate the efficacy of a multimodal EVT within the context of inpatient rehabilitation.

Material and Methods. In a randomized, controlled, exploratory trial, 17 participants of the Henneberg-Rehaklinik Masser­berg with bilateral central scotoma completed an EVT intervention over a period of three weeks. A multimodal EVT (biofeedback training, computer-based EVT, Move-the-text training; intervention arm, n = 8) was compared with a monomodal EVT (biofeedback training, smooth pursuit training; control arm, n = 9). The primary endpoint was reading speed (IReST, SKread). Secondary endpoints included fixation stability (P1, P2, BCEA), reading acuity, reading error rate, distance visual acuity, contrast sensitivity, the NEI VFQ-25-C, and the evaluation of the training.

Results. Median IReST reading speed changed by +5.3 wpm (IQR 53.8 wpm) in the intervention arm and by +6.0 wpm (IQR 9.7 wpm) in the control arm, while SKread revealed only small pre–post changes (multimodal EVT: +0.3 Z/s; monomodal EVT: +0.1 Z/s). The median pre–post change in light difference sensitivity at the extrafoveal fixation locus was significantly higher in the intervention arm (+7.5 dB, IQR 17.5 dB) than in the control arm (0 dB, IQR 6.5 dB; Mann–Whitney U test, p = 0.04). The multimodal training was rated particularly positively regarding the reading-related modules.

Conclusion. During the intervention period, multimodal EVT showed no significant advantage over monomodal training. The findings suggest that the observed changes predominantly reflect early adaptive processes. Individualized modular training foci, optimized biofeedback parameters, and structured, accessible follow-up programmes should be further investigated in studies with longer follow-up periods.

Einführung

Only the abstract of the article "Effects of Multimodal Eccentric Viewing Training on Reading Speed" is available in English. The complete article can be read in German.

Lesen ist eine zentrale Alltagskompetenz und wesentlich für Selbstständigkeit, soziale Teilhabe und Lebensqualität.1,2 Makuläre Erkrankungen betreffen weltweit mehrere Millionen Menschen und führen häufig zu irreversiblen fovealen Schädigungen mit zentralen Gesichtsfeldausfällen. Diese gehen mit deutlichen Einschränkungen der Lesefähigkeit einher und stellen für viele Betroffene eine Hauptursache funktionaler Beeinträchtigungen dar.3,4 Die Wiederherstellung einer alltagsrelevanten Leseleistung ist daher ein zentrales Ziel der Low-Vision-Rehabilitation.2,3 Als klinisch bedeutsamer Parameter gilt die Lesegeschwindigkeit; unterhalb von etwa 80 Wörtern pro Minute (wpm) ist flüssiges Lesen längerer Texte und damit die Nutzung geschriebener Information deutlich eingeschränkt,5 selbst bei adäquater optischer Versorgung.6

Als kompensatorische Adaptation an den bilateralen Verlust der fovealen Sehfunktion etabliert das visuelle System häufig einen Preferred Retinal Locus (PRL) in einer exzentrischen, funktional intakten Netzhautregion. Dieser dient als neuer Referenzpunkt für die visuelle Informationsverarbeitung sowie die Steuerung von Fixationen und sakkadischen Augenbewegungen.4,7,8 Spontan ausgebildete PRLs weisen jedoch nicht zwangsläufig eine funktional günstige Lokalisation oder ausreichende Fixationsstabilität auf, sodass die verbliebene Sehfunktion häufig nicht optimal genutzt wird.6,7

Rehabilitative Maßnahmen zielen darauf ab, die Lesefähigkeit durch Optimierung der visuellen Informationsaufnahme und -verarbeitung zu verbessern. Neben Anpassungen der visuellen Darbietung durch Vergrößerung, Kontrastoptimierung, Beleuchtungsanpassungen und typografische Modifikationen kommen trainingsbasierte Verfahren zum Einsatz, deren Ziel die Etablierung einer funktionalen, trainierten Netzhautstelle (TRL - Trained Retinal Locus), die Verbesserung der Fixationsstabilität und die Vermittlung lesespezifischer Strategien ist.2,6,7 Etablierte Verfahren sind das exzentrische Sehtraining (EST) nach Nilsson 9 und das mikroperimetrische Biofeedbacktraining,7,11,12,13 welche beide zur Verbesserung der Lesegeschwindigkeit und weiterer visueller Funktionsparameter beitragen.

Die Evidenz basiert jedoch überwiegend auf monomodalen Interventionen,9,11,12,13,14 also Ansätzen, die jeweils nur ein einzelnes Trainingsverfahren untersuchen, sowie auf homogenen Patientenkollektiven.11,14

An der Henneberg-Rehaklinik Masserberg wurde ein multimodales EST-Konzept (Nußbaum, Multimodales Curriculum „Exzentrisches Sehtraining (EST) in der ophthalmologischen Rehabilitation“, Jena, 2024, data on file) etabliert, das mehrere rehabilitative Verfahren kombiniert. Es umfasst mikroperimetrisches Biofeedback sowie einen an das Training nach Nilsson angelehnten Ansatz, bestehend aus computergestütztem EST (DeZent, Version 2.0, SFZ Chemnitz) und Move-the-text-Training. Systematische Untersuchungen zur Wirksamkeit dieses Ansatzes liegen bislang nicht vor.

Ziel der explorativen Studie ist es, erste Hinweise auf den funktionalen Nutzen dieses multimodalen Trainingsansatzes unter den Bedingungen einer stationären, multiprofessionellen, medizinisch-ophthalmologischen Rehabilitation 15 zu gewinnen. Primäre Forschungsfrage ist, ob das multimodale Trainingskonzept im Vergleich zu einem monomodalen EST mit einer zusätzlichen Verbesserung der Lesegeschwindigkeit assoziiert ist.

Material und Methoden

Studiendesign

Die prospektive, randomisierte, kontrollierte, einfach verblindete, explorative klinische Studie wurde monozentrisch an der Henneberg-Rehaklinik Masserberg in Übereinstimmung mit der Deklaration von Helsinki und den Grundsätzen der Good Clinical Practice durchgeführt. Das Studienprotokoll wurde von der Ethikkommission der Friedrich-Schiller-­Universität Jena am 30.09.2025 positiv bewertet. Von allen Teilnehmenden lag eine schriftliche Einwilligung vor.

Ein- und Ausschlusskriterien

Eingeschlossen wurden volljährige Proband*innen mit bilateralem Zentralskotom oder vergleichbarer funktionaler Einschränkung und einem bestkorrigierten Fernvisus zwischen 0,4 und 1,3 logMAR. Ausgeschlossen wurden Personen mit stabiler superiorer oder inferiorer exzentrischer Fixation, einem für die TRL-Etablierung verfügbaren extrafovealen Netzhautareal kleiner 5°, temporären Zentralskotomen, fortgeschrittenen Medientrübungen sowie kognitiven oder körperlichen Einschränkungen, welche die Trainingsdurchführung wesentlich beeinträchtigt hätten.

Studienpopulation

In die Analyse wurden 17 Proband*innen eingeschlossen (Interventionsstudienarm: n = 8; Kontrollstudienarm: n = 9). Eine teilnehmende Person wurde aufgrund einer während der Rehabilitation begonnenen Mirtazapin-Therapie mit subjektiv berichteten Sehstörungen ausgeschlossen. Charakteristika der Studienarme, insbesondere Alter, Erkrankungen und Art des Zentralskotoms können Tabelle 1 entnommen werden.

Bild 1: Mikroperimetrie (MP-3, Oculus/Nidek). Die retinale Lage des postinterventionellen Trained Retinal Locus (TRL) ist qualitativ durch die Fixationspunktverteilung dargestellt. Quantitativ werden LUE (Lichtunterschiedsempfindlichkeit) und Fixationsstabilität (P1, P2, BCEA) erfasst.

Mess- und Untersuchungsmethoden

Die Charakterisierung von PRL und TRL erfolgte mittels Mikroperimetrie, siehe Bild 1 (Mikroperimeter MP-3, Fa. Nidek Co., Ltd., Gamagori, Japan). Erfasst wurden retinale Lage, Lichtunterschiedsempfindlichkeit (LUE) sowie die Fixationsstabilität anhand der Parameter P1 und P2 sowie der Bivariate Contour Ellipse Area (BCEA). P1 und P2 geben den Anteil der Fixationspunkte innerhalb eines Radius von 2° beziehungsweise 4° um den PRL an. Die BCEA beschreibt die Fläche einer Ellipse, innerhalb derer sich die Fixationspunkte mit definierter Wahrscheinlichkeit befinden.

Die Lesegeschwindigkeit wurde mit dem International Reading Speed Text 16 (IReST; Precision Vision, Woodstock, IL, USA) und dem Smith Kettlewell Reading Test 17 (SKread; Precision Vision, Woodstock, IL, USA) bestimmt.

Der IReST umfasst zehn kohärente Fließtexte auf Sprachniveau der sechsten Klassenstufe.16 Die Texte wurden in serifenloser Schrift (Arial) in zwei Schriftgrößen (9 pt, 18 pt) entsprechend der Methode nach Rubin et al. dargeboten.18 Optische Vergrößerungshilfen waren zulässig.18

Der speziell für Patient*innen mit (para-)zentralen Skotomen entwickelte SKread Test 17,19 wurde ergänzend eingesetzt, um die primär von der visuellen Wort- und Buchstabenerkennung abhängige Lesegeschwindigkeit sowie die Lesefehlerquote zu erfassen. Er basiert auf Textpassagen mit zufällig angeordneten Einzelbuchstaben und Wörtern ohne semantischen Zusammenhang, wodurch die Leseleistung weitgehend unabhängig von Leseerfahrung, Wortschatz und Bildungsniveau ist.

Weitere sekundäre Parameter umfassten den bestkorrigierten Fernvisus (FrACT 20, Version 3.1.2, Universitäts Augenklinik Freiburg, Deutschland), die Kontrastempfindlichkeit (MARS-Test, Mars Perceptrix, Chappaqua, NY, USA) und den Lesevisus (Nahleseprobe 2, Oculus Optikgeräte GmbH, Wetzlar, Deutschland).

Die subjektive Sehfunktion und sehbezogene Lebensqualität wurden mit der Rasch-kalibrierten Version des National Eye Institute Visual Function Questionnaire (NEI VFQ-25-C 21) erfasst. Verwendet wurden der Gesamtscore sowie die Subskalen „visuelle Funktion“ und „sozioemotionale Funktion“. Der Fragebogen bildet wahrgenommene alltagsbezogene Einschränkungen infolge der Sehbeeinträchtigung ab und ermöglicht durch die Rasch-Kalibrierung eine optimierte Vergleichbarkeit der Ergebnisse.21

Benutzerfreundlichkeit und subjektiver Nutzen des Trainings wurden mithilfe eines studieneigenen Fragebogens mit visuellen Analogskalen und offenen Antwortformaten erhoben.

Bild 2: Flussdiagramm des Studienablaufs mit Voruntersuchungen, Baseline-Untersuchung, Randomisierung in die beiden Studien­arme, Interventionen und Abschlussuntersuchung.

Durchführung

Der Studienablauf ist in Bild 2 dargestellt. Die Interventionsgruppe absolvierte ein multimodales EST, bestehend aus mikroperimetrischem Biofeedbacktraining, computergestütztem EST mit DeZent (Version 2.0, SFZ Förderzentrum gGmbH, Chemnitz, Deutschland) sowie angeleitetem und eigenständigem Move-the-text-Training. Die Kontrollgruppe absolvierte ein mikroperimetrisches Biofeedbacktraining (analog zur Interventionsgruppe) sowie ergänzend ein angeleitetes und selbstständiges Augenfolgebewegungstraining (Smooth-Pursuit-Training) in äquivalenter Intensität.

Das Biofeedbacktraining wurde in beiden Studienarmen unter standardisierten Bedingungen monokular am funktional besseren Auge absolviert. Die TRL-Positionierung erfolgte bevorzugt in der superioren Netzhauthälfte, sofern eine ausreichende Lichtunterschiedsempfindlichkeit gegeben war.2,7 Der Durchmesser des für die exzentrische Fixation am TRL definierten Netzhautareals wurde initial auf 3° festgelegt und im weiteren Trainingsverlauf, sofern möglich, auf 1,5° reduziert. Das Training wurde zweimal wöchentlich im Intervallformat mit jeweils drei Intervallen von 60 bis 90 Sekunden durchgeführt. Über ein akustisches Echtzeit-Feedback erhielten die Proband*innen eine kontinuierliche Rückmeldung über die Lage ihrer Fixation relativ zum Zielareal des definierten TRL.

Das computergestützte EST erfolgte zweimal wöchentlich in 45-minütigen Sitzungen, um die gezielte TRL-Nutzung beim Lesen zu fördern. Bild 3 zeigt eine Bildschirmansicht des Programms DeZent während einer Trainingsaufgabe. Ab der zweiten Trainingswoche wurde das Training um die Move-the-text-Strategie ergänzt. Dabei wurden gedruckte Texte unter Verwendung individuell angepasster optischer Vergrößerungshilfen (Hyperokulare) unter exzentrischer Fixati­on aktiv durch den TRL-Bereich bewegt, wodurch analog zum computergestützten Training eine laufschriftähnliche Textdarbietung entstand und das exzentrische Lesen unter alltagsnahen Bedingungen gefördert werden konnte.

Das Augenfolgebewegungstraining (Smooth-Pursuit-­Training) der Kontrollgruppe umfasste die Verfolgung bewegter Zielobjekte mit schrittweiser Steigerung der Geschwindigkeit, Bewegungsrichtung und Bahnkomplexität.

Die Abschlussuntersuchung erfolgte nach einer dreiwöchigen Interventionsphase (± 3 Tage).

Bild 3: Benutzeroberfläche des Programms DeZent (SFZ Chemnitz, Version 2.0) zur computergestützten Umsetzung eines exzentrischen Sehtrainings nach Nilsson. Rote Hilfslinien mit zentraler Fixationsmarke kennzeichnen die Fixationsreferenz, während der Text in Form einer horizontalen Laufschrift durch den Bereich der zu trainierenden exzentrischen Netzhaut­position (TRL) geführt wird.

Statistische Auswertung

Die statistische Auswertung erfolgte explorativ mit IBM SPSS Statistics Version 31.0.2.0 (IBM Corp., Armonk, NY, USA). Aufgrund der kleinen Interimsstichprobe wurden ausschließlich nichtparametrische Verfahren verwendet. Intergruppale Vergleiche erfolgten mittels Mann-Whitney-U-Test, intra­gruppale Prä-Post-Vergleiche mittels Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test beziehungsweise Vorzeichentest in Abhängigkeit von der Verteilung der Differenzen. Das Signifikanzniveau wurde auf α = 0,05 festgelegt; alle p-Werte wurden zweiseitig berechnet. 

Ergebnisse

Trainingsdurchführung und TRL-Etablierung

Die mediane Interventionsdauer betrug 19 Tage (IQR 6 Tage) im Interventionsstudienarm und 20 Tage (IQR 6 Tage) im Kontrollstudienarm. In der Interventionsgruppe wurden median sechs Biofeedback-, sechs DeZent- und vier Move-the-text-Einheiten absolviert, in der Kontrollgruppe median sechs Biofeedback- und acht Kontrolleinheiten.

In beiden Studienarmen konnte bei der Mehrzahl der Proband*innen ein TRL in funktional günstiger Lage etabliert werden, überwiegend in der superioren Netzhauthälfte. Weiterführende Angaben zur Verteilung der TRL-Lokalisationen sind Tabelle 2 zu entnehmen.

Die mediane Prä-Post-Zunahme der LUE am extrafovealen Fixationsort war im Interventionsstudienarm mit +7,5 dB (IQR 17,5 dB) signifikant höher als im Kontrollstudienarm mit 0 dB (IQR 6,5 dB; Mann-Whitney-U-Test, p = 0,04).

Primärer Endpunkt: Lesegeschwindigkeit

Für den primären Endpunkt ergaben sich weder im IReST noch im SKread signifikante intergruppale Unterschiede (IReST: Mann-Whitney-U-Test, p > 0,99; SKread: Mann-­Whitney-U-Test, p = 0,74). Tabelle 3 zeigt die prä- und postinterventionellen medianen Lesegeschwindigkeiten, während Bild 4 die Verteilung der Prä-Post-Veränderungen darstellt. Die Lesegeschwindigkeit nahm im IReST in beiden Studienarmen geringfügig zu. Der mediane Zuwachs betrug 5,3 wpm (IQR 53,8 wpm) in der Interventionsgruppe und 6,0 wpm (IQR 9,7 wpm) in der Kontrollgruppe, ohne signifikante intra­gruppale Prä-Post-Veränderungen (Interventionsstudienarm: Vorzeichentest, p = 0,73; Kontrollstudienarm: Vorzeichentest, p = 0,18). Ein klinisch relevanter Anstieg von ≥ 12,9 wpm entsprechend dem Coefficient of Repeatability (CoR) für Makulopathien 22 wurde von drei der acht Teilnehmenden im Interventionsstudienarm und von einer der neun Personen im Kontrollstudienarm erreicht. Auch im SKread zeigten sich keine signifikanten intragruppalen Veränderungen (Interventionsstudienarm: Vorzeichentest, p = 0,73; Kontrollstudienarm: Wilcoxon-Test, p = 0,60); die mediane Prä-Post-Differenz lag bei +0,3 Z/s (IQR 1,8 Z/s) beziehungsweise +0,1 Z/s (IQR 0,8 Z/s, Tabelle 3). Im Interventionsstudienarm war die Veränderung der Lesegeschwindigkeit durch eine ausgeprägte interindividuelle Heterogenität gekennzeichnet.

Bild 4: Boxplot-Darstellungen der IReST-Lesegeschwindig­keit-Prä-Post-Differenzen [wpm] (links) sowie der SKread-Lese­geschwindig­keit-Prä-Post-Differenzen [Z/s] (rechts) getrennt nach Studienarm (Median, IQR, Spannweite und Ausreißer).

Fixationsstabilität

Für keinen der untersuchten Parameter der Fixationsstabilität (P1, P2, BCEA) konnten signifikante intra- oder intergruppale Prä-Post-Veränderungen nachgewiesen werden. Die medianen Differenzwerte der einzelnen Parameter sind in Tabelle 4 zusammengefasst, die Verteilung der Prä-Post-­Veränderungen ist in Bild 5 dargestellt. Im Interventions­studienarm zeigte sich deskriptiv eine Tendenz zu einer geringeren Fixationsstabilität mit niedrigeren P1-Werten bei weitgehend unveränderten P2-Werten sowie überwiegend positiven Interquartilsbereichen der BCEA-Prä-Post-­Differenzen. Im Kontrollstudienarm stellte sich demgegenüber deskriptiv eine Tendenz zu höherer Fixationsstabilität mit überwiegend positiven Interquartilsbereichen der P1- und P2-Differenzen und negativen Interquartilsbereichen der BCEA-Parameter dar. 

Weitere visuelle Funktionsparameter

Für Lesefehlerquote, Lesevisus, Fernvisus und Kontrastempfindlichkeit ergaben sich, wie in Tabelle 4 zusammengefasst, keine signifikanten medianen Prä-Post-Veränderungen. Im Interventionsstudienarm zeigten Fernvisus und Kontrastempfindlichkeit deskriptiv leichte Verbesserungstendenzen, die jedoch innerhalb der bekannten Test-Retest-Variabilität der verwendeten Verfahren lagen.

Subjektive Parameter

Auch im NEI-VFQ-25-C konnten keine signifikanten Veränderungen nachgewiesen werden. Dies galt für den Gesamtscore sowie die Domänen „visuelle Funktion“ und „sozioemotionale Funktion“. Wie in Bild 6 dargestellt, zeigten sich im Interventionsstudienarm überwiegend positive Prä-Post-Differenzen, während im Kontrollstudienarm heterogene Veränderungen mit tendenziell positiven Differenzen in der sozioemotionalen Domäne sowie geringen überwiegend negativen Differenzen im Gesamtscore und in der Domäne „visuelle Funktion“ beobachtet wurden.

Die Ergebnisse zur Benutzerfreundlichkeit des multimodalen EST sind in Bild 7 dargestellt. Insgesamt wurde das multimodale EST sehr positiv bewertet. Auf den visuellen Analogskalen lagen die Medianwerte durchgängig über 90 Punkten, bei größerer interindividueller Variabilität hinsichtlich Umsetzbarkeit und Integration in den Rehabilitationsalltag. Der subjektiv wahrgenommene Nutzen zeigte insbesondere in Bezug auf Lesefähigkeit und Umgang mit der Sehbeeinträchtigung eine ausgeprägte Streuung. Die Weiterempfehlungsbereitschaft war mit einem Medianwert von 100 Punkten sehr hoch. In den qualitativen Angaben wurden vor allem die lesebezogenen Trainingsmodule DeZent (2 Nennungen) und Move-the-text (4 Nennungen) positiv hervorgehoben, während das Biofeedbacktraining sowohl positive (2 Nennungen) als auch negative Bewertungen (3 Nennungen) erhielt.

Bild 5: Boxplot-Darstellung der Prä-Post-Veränderungen der Fixationsstabilität. P1- und P2-Differenzwerte [%] (Anteil der Fixations­punkte innerhalb von 2° bzw. 4° um den PRL bzw. TRL; links) sowie BCEA-Differenzwerte [deg²] (Bivariate Contour Ellipse Area; rechts) getrennt nach Studien­arm (Median, IQR, Spannweite und Ausreißer).
Bild 6: Boxplot-Darstellung der NEI VFQ-25-C, NEI VFQ-VF (Visual Function) und NEI VFQ-SE (Socio-Emotional) Score-Prä-Post-Differenzen getrennt nach Studienarm (Median, IQR, Spannweite und Ausreißer).
Bild 7: Boxplot-Darstellung der VAS-Scores (0 – 100) zur Bewertung der Benutzerfreundlichkeit und des subjektiv wahrgenommenen Trainings­nutzens des multimodalen EST (Median, IQR, Spannweite, Ausreißer).

Diskussion

In der Studie konnte für das multimodale EST kein signifikanter Vorteil gegenüber dem monomodalen Ansatz hinsichtlich der Lesegeschwindigkeit oder weiterer objektiver Funktionsparameter nachgewiesen werden. Dieser Befund ist vor dem Hintergrund des kurzen Interventionszeitraums, der heterogenen retinalen Ausgangssituation und methodischer Limitationen zu interpretieren.

Die Studie wurde unter den Bedingungen einer stationären, multiprofessionellen Rehabilitation durchgeführt. Der Interventionszeitraum war dadurch auf drei Wochen begrenzt und lag am unteren Rand, der in der Literatur beschriebenen Trainingsdauern.9,12,13 Gleichzeitig nahmen die Proband*innen an weiteren therapeutischen Maßnahmen teil, sodass eine höhere Gesamtbelastung bestand im Vergleich zu Studien mit isolierten Trainingsinterventionen. Organisatorisch bedingte Unterbrechungen und variierende Trainingsabstände könnten zusätzlich Adaptationsprozesse beeinflusst haben.

Die beiden Studienarme unterschieden sich zudem hinsichtlich ihrer retinalen Ausgangssituation. Im Interventionsstudienarm lagen die PRLs überwiegend innerhalb absoluter Zentralskotome, sodass zunächst eine Relokalisierung des Fixationsortes erforderlich war, während im Kontrollstudienarm die Konsolidierung bereits etablierter exzentrischer Fixationsstrategien im Vordergrund stand. Der intergruppale Vergleich ist daher nur eingeschränkt interpretierbar, da funktional unterschiedliche Trainingsziele adressiert wurden.

Die Etablierung und Konsolidierung eines TRL stellt einen mehrstufigen Adaptationsprozess dar, dessen vollständige okulomotorische Integration längere Zeiträume erfordert.4,23 Der dreiwöchige Beobachtungszeitraum bildet daher vermutlich vor allem frühe sensomotorische Anpassungen ab. Dies könnte auch die in der Interventionsgruppe beobachtete Tendenz einer vorübergehenden Abnahme der Fixationsstabilität erklären, welche als Ausdruck einer TRL-Reorganisation zu werten ist. Funktionale Verbesserungen der Lesefähigkeit sind vor diesem Hintergrund zeitverzögert nach weiterer Konsolidierung des TRL zu erwarten. Die unterschiedliche Alters- und Diagnoseverteilung zwischen den Studienarmen, wie in Tabelle 1 aufgeführt, ist hierbei als potenzieller konfundierender Faktor zu berücksichtigen. Im Interventionsarm waren überwiegend jüngere Proband*innen mit hereditären Makuladystrophien eingeschlossen, während der Kontrollarm vorwiegend ältere Personen mit degenerativen oder vaskulären Makulopathien umfasste. Der Einfluss des Alters auf neuroplastische Reorganisationsprozesse wird in der Literatur heterogen beschrieben und sollte im Kontext von Diagnose, Krankheitsdauer und bereits bestehenden Adaptationsprozessen interpretiert werden.6,24

Darüber hinaus war die Ausgangslesegeschwindigkeit im Interventionsstudienarm höher als im Kontrollstudienarm, sodass ein partieller Deckeneffekt nicht ausgeschlossen werden kann. In der Literatur wird eine inverse Beziehung zwischen Ausgangsleistung und Trainingszuwachs beschrieben.24

Die ausgeprägte interindividuelle Variabilität der Lesegeschwindigkeitsveränderungen spricht zudem für ein Responder-/Non-Responder-Muster. Vergleichbare Unterschiede wurden unter anderem mit der retinalen Ausgangssituation, Fixationsstabilität, Ausgangslesegeschwindigkeit sowie kognitiven und motivationalen Faktoren in Zusammenhang gebracht.24,25

Ein weiterer Erklärungsansatz liegt in den Anforderungen des exzentrischen Lesens. Crowding Effekte und ein reduzierter perzeptueller Span gelten als wesentliche limitierende Faktoren der Lesegeschwindigkeit bei exzentrischer Fixation.6,26 Zusätzlich reduziert die notwendige optische Vergrößerung das effektive Lesegesichtsfeld. Die eingesetzten Trainingsverfahren zielen primär auf die Etablierung eines funktionalen TRL und auf die Fixationsstabilisierung ab. Eine Steigerung der Lesegeschwindigkeit setzt jedoch weitergehende perzeptuelle und kognitive Adaptationsprozesse voraus, die im Adaptationsverlauf spontan erfolgen, aber auch durch spezifische Trainingsformate wie perzeptuelles Lernen oder RSVP-Training gefördert werden können.26

Bei der Interpretation ist außerdem die Dosierung des Biofeedbacktrainings zu berücksichtigen. Mit median sechs Sitzungen und einer effektiven Expositionszeit von drei bis viereinhalb Minuten pro Sitzung lag die Trainingsdosis unter den in vergleichbaren Studien berichteten Umfängen. Diese umfassten meist zehn bis fünfzehn Sitzungen mit einer Expositionszeit von etwa zehn Minuten sowie teilweise tägliche Interventionen.12,13,25,27 Die reduzierte Dosis ist jedoch im Kontext des multimodalen Rehabilitationskonzepts und der notwendigen Belastungssteuerung zu sehen. In beiden Studienarmen wurde ausschließlich akustisches Biofeedback eingesetzt, das über eine breite Evidenzbasis und hohe Akzeptanz verfügt. Vergleichende Untersuchungen deuten jedoch auf eine höhere Wirksamkeit eines (akustischen) Lichtstimulus-Biofeedbacks hin, dessen Einsatz individuell auf Tolerabilität zu prüfen ist.11,12,25

Darüber hinaus können methodische Limitationen der Mikroperimetrie die Aussagekraft der Fixationsstabilitätsparameter einschränken. Fixationsinstabilitäten, zentrale Läsionen und ein eingeschränkter Funduseinblick erschweren die zuverlässige Eyetracking-basierte Charakterisierung und Lokalisation von PRL und TRL. Zusätzlich können luminanzabhängige PRL-/TRL-Verschiebungen,28 die dynamische Messmethodik sowie Fatigue-Effekte die Reliabilität und Validität der Messungen beeinträchtigen.

Im Hinblick auf den NEI VFQ-25-C ist zu beachten, dass dieser kurzfristige Rehabilitationseffekte nur begrenzt abbildet und primär alltagsbezogene sowie langfristig stabilisierte Funktionsbereiche erfasst.29 Zudem kann eine multiprofessionelle Rehabilitation auch unabhängig von objektiv messbaren Funktionsgewinnen positive psychosoziale Effekte bewirken,29,30 was sich in der tendenziellen Zunahme der sozioemotionalen Domäne in beiden Gruppen widerspiegelt. Die im Interventionsstudienarm beobachtete günstigere Tendenz in den Veränderungen des NEI-VFQ-Gesamtscores sowie der Domäne „visuelle Funktion“ könnte darauf zurückzuführen sein, dass das multimodale EST lesebezogene Module umfasste und dadurch eine erneute Auseinandersetzung mit alltagsrelevanten Lesesituationen ermöglichte. Gleichzeitig kann eine multiprofessionelle Rehabilitation zu einer kritischeren Selbstwahrnehmung funktionaler Einschränkungen führen,30 was die eher negative Veränderung der visuellen Funktionsdomäne im Kontrollstudienarm erklären könnte.

Die Diskrepanz zwischen der hohen subjektiven Zufriedenheit und den fehlenden signifikanten Veränderungen objektiver Funktionsparameter entspricht bisherigen Beobachtungen aus der Low-Vision-Rehabilitation. Demnach werden subjektive Bewertungen maßgeblich durch psychosoziale Faktoren, die therapeutische Interaktion und die aktive Auseinandersetzung mit der Sehbeeinträchtigung beeinflusst.24,30

In der qualitativen Trainingsbewertung wurden vor allem die lesebezogenen Anteile (DeZent und Move-the-text) positiv hervorgehoben, während das Biofeedbacktraining kontrovers bewertet wurde. Dies lässt sich plausibel durch die höhere Alltagsnähe der Lesetrainings im Vergleich zum klinischen Fixationsstabilitätstraining erklären.

Die Proband*innen nannten als Optimierungswünsche vor allem einen früheren Trainingsbeginn nach Rehabilitationsaufnahme sowie eine strukturierte, barrierearme Nachsorge, was auf den hohen Stellenwert des Trainings aus ihrer Sicht hinweist.

Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Interimsstichprobe, des kurzen Beobachtungszeitraums, des fehlenden Langzeit-Follow-ups, der heterogenen retinalen Ausgangssituation sowie des Fehlens einer unbehandelten Kontrollgruppe mit Vorsicht zu interpretieren. Insgesamt sind die vorliegenden Befunde als hypothesengenerierend einzuordnen.

Fazit

Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung zeigte sich innerhalb des dreiwöchigen stationären Interventionszeitraums kein signifikanter Vorteil des multimodalen exzentrischen Sehtrainings gegenüber dem monomodalen Ansatz.

Die Befunde legen nahe, dass die beobachteten Veränderungen überwiegend frühe Adaptationsprozesse widerspiegeln und eine Beurteilung des funktionalen Nutzens längere Nachbeobachtungszeiträume erfordert.

Die erfolgreiche TRL-Etablierung, die hohe Akzeptanz und positive Bewertung der lesebezogenen Module sprechen jedoch für die rehabilitationspraktische Relevanz des multimodalen Konzepts, auch wenn das Wirkungspotenzial im vorliegenden Interventionsrahmen durch zeitliche und strukturelle Rahmenbedingungen begrenzt war. Für die weitere Optimierung erscheint insbesondere eine stärkere modulare Individualisierung auf Grundlage der mikroperimetrisch bestimmten PRL-Konfiguration sinnvoll. Während bei intraskotomalem PRL die Etablierung eines funktionalen TRL mittels Biofeedbacktraining im Vordergrund stehen sollte, könnten bei bereits funktional günstiger exzentrischer Fixation lesespezifische Trainingsmodule priorisiert werden. Optimierte Biofeedbackparameter sowie eine Trainingsintensivierung durch Verlängerung der Rehabilitation auf bis zu sechs Wochen erscheinen als potenzielle Ansätze zur Förderung weiterer Adaptationsprozesse. Darüber hinaus könnten strukturierte, barrierearme Nachsorge- und Heimtrainingsangebote dazu beitragen, exzentrische Fixationsstrategien langfristig zu stabilisieren.

Interessenkonflikt

Die Autor*innen erklären, dass kein finanzieller Interessenkonflikt besteht. Lea Holland-Moritz, Prof. Dr. habil. Kathleen Kunert und Dr. Oliver Kolbe sind an der Henneberg-­Rehaklinik Masserberg GmbH beschäftigt.

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